Dr. Jochen Seitz forscht an der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Aachen 

Anorektische Jugendliche verlieren nicht nur Körper-, sondern auch Gehirnvolumen. Wie JARA-BRAIN-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Aachen mit einer Forschungsstudie bestätigten, verringert sich die graue Substanz im Gehirn von Betroffenen um etwa zehn Prozent. In einer weiteren Studie soll nun untersucht werden, ob die Abnahme der grauen Substanz im Verlauf der Therapie reversibel ist.

Untersuchungen fanden im Rahmen der multizentrischen ANDI-Studie statt

„Wir haben von über 60 Patientinnen und Patienten zwischen zwölf und 18 Jahren in unserer Klinik und am Forschungszentrum Jülich zu Beginn ihres stationären Aufenthalts strukturelle MR-Scanner-Aufnahmen gemacht“, berichtet Dr. Jochen Seitz. Die Untersuchungen waren im Rahmen der multizentrischen ANDI-Studie (Anorexia Nervosa - Daypatient versus Inpatient Treatment) begonnen worden, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert wird. Die Studie wird wegen der guten Ergebnisse aus Hausmitteln fortgeführt.
 
Das anteriore Cingulum ist besonders stark betroffen

Die Magnetresonanztomographie-Aufnahmen belegen es: Das Gehirn nimmt bei anorektischen Jugendlichen im Vergleich zu Gesunden deutlich ab. Auffällig ist außerdem, dass bestimmte Regionen der menschlichen Schaltzentrale stärker als andere betroffen sind. Dr. Jochen Seitz: „Mit Hilfe der modernen Bildgebung konnten wir bestätigen, dass der mediale Bereich – insbesondere das anteriore Cingulum – von den Gewichtsabnahmen besonders stark betroffen ist.“ Diesen medialen Hirnregionen werden unter anderem eine große Rolle bei kognitiven Funktionen, der Entstehung von Sucht und bei der Wahrnehmung der eigenen Körperlichkeit („body image“) zugeschrieben.

Kortikale Veränderungen lassen sich mit ober-flächenbasiertem Softwareprogramm präziser darstellen

Die JARA-BRAIN Wissenschaftlerinnen und

–Wissenschaftler untersuchen nun mit Hilfe einer innovativen Auswertungsmethode, inwiefern sich das Kortexvolumen während der Therapie bis zur Entlassung und während der nächsten Jahre verändert. „Wir haben das bisherige volumenbasierte Standardprogramm durch ein neues oberflächenbasiertes Software-Programm ergänzt“, berichtet Jochen Seitz. Dies ermöglicht präzisere Angaben zu den kortikalen Veränderungen bei Magersüchtigen.

Untersuchung zeigt: Gehirnvolumen nimmt parallel zum Körpervolumen wieder zu

Die bisherigen Verlaufsergebnisse lassen hoffen: „Mit Hilfe der MR-Aufnahmen konnten meine Kollegin Dr. Verena Mainz und ich zeigen, dass während des stationären Aufenthalts das Gehirnvolumen parallel zum Körpervolumen wieder zunimmt“, erläutert Jochen Seitz. Ob die Abnahme des Kortexvolumens komplett reversibel ist, werden erst die Verlaufsuntersuchungen bei den Nachkontrollen zeigen.

Bei Patienten mit Magersucht nimmt das Hirnvolumen drastisch ab. Rechts das Gehirn eines Mädchens mit Anorexia nervosa mit einem Body Mass Index von 14. Im Vergleich dazu links ein Gehirn einer gesunden 16-Jährigen mit einem Body Mass Index von 20.

Neues Forschungsprojekt untersucht möglichen Zusammenhang zwischen Hirnvolumenabnahme und Depression 

Für die Kinder- und Jugendpsychiater ergeben sich aufgrund der Erkenntnisse interessante Folgefragestellungen und neue therapeutische Ansätze. So laufen demnächst an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Aachen Forschungsprojekte an, die unter anderem untersuchen, ob die Reduktion des Hirnvolumens eine Ursache für die häufig parallel auftretenden Depressionen und Verhaltensänderungen bei Magersüchtigen sein kann.

MR-Bilder werden erfolgreich in die Therapie integriert

Außerdem setzen die Kinder- und Jugendpsychiater am Universitätsklinikum Aachen die Gehirnaufnahmen gezielt für therapeutische Zwecke ein: „Anorektisch veranlagten Jugendlichen ist es in der Regel außerordentlich wichtig, in der Schule gut zu sein. Daher reagieren sie sehr betroffen auf die Hirnvolumenabnahme“, erzählt Jochen Seitz. „Die Erkenntnis, seinen eigenen Kopf durch das Hungern extremen Strapazen auszusetzen, kann ein weiterer Baustein auf dem Weg zur Gesundung sein.“

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